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Luca Michelli

Teil 2; nach Ostern 2018

Mein Kopf machte keine Pausen mehr. Ich hatte bereits schon lange verlernt zu entspannen. Gemerkt hatte ich es aber erst, als es zu spät war.

Ständig suchte ich nach einem Sinn. Für alles. Ich suchte Zufälle. Auch da wo es keine gab. Ich starre in mein Laptop und bearbeite Produkte. Ich schaue nur einmal hoch und genau dann sehe ich meinen Freund. Er fährt in einem auffälligen Auto am Laden vorbei.

Warum fährt genau jetzt mein Freund da vorbei? Es ist auch das einzige Auto, dass mir auffällt beim Arbeiten vor dem Schaufenster. Zwei Tage später gleich wieder. Das erste Auto, das an mir vorbeifahrt, als ich von einer Waldstrasse zurück zur Hauptstrasse laufe.

Eigentlich hört sich das ja nicht wirklich speziell an. Was soll denn genau das Problem sein? Die Zufälle die mir zu schaffen gegeben hatten waren aber viel komplizierter. Und sie gaben keine Ruhe.

Das Gefühlschaos war unbeschreiblich.

Ostern 2018. Wir sitzen am Tisch. Essen alle zusammen. Alle lachen und sind glücklich. Was mache ich? Ich frage mich warum das Glas, das ich in den Händen halte überhaupt existiert. Wie konnten wir Glas erfinden? Was macht es für einen Sinn?

Einen Sinn für etwas Alltägliches suchen? Warum? Ich weiss es nicht. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich mir diese Frage nicht stellen.

Ich stand unter extremen Stress. Oder gleich Panik? Jedes Mal, wenn die Sonne durch die dicken Wolken drücken konnte und durch die Fenster das Wohnzimmer aufhellte, atmete ich tief durch. Es fühlte sich gut an.

Ein paar Tage später.

Meine Freundin wartete im Ausstellungsraum von Löwenbräu Zürich auf mich. Ich esse noch mein Sandwich draussen im Auto. Eigentlich bin ich aber gerade zu gestresst und durcheinander um rein zu gehen. Ist das wieder so eine Panikattacke? Die Leuchttafel mit der sich vertikal nach unten bewegenden Buchstaben; will die mir was sagen?

So fühlten sich die Wochen nach Ostern an. Ständig suchte ich nach Antworten. Zufälle waren nicht mehr nur Zufälle. Wissenschaft, Philosophie und Glauben trafen alle im gleichen Moment aufeinander. Urknall oder Gott? Bewusstsein oder Träumen?

Space
Urknall oder Gott?

Sich darüber Gedanken zu machen ist ja eigentlich nicht falsch. Nur konnte ich nicht damit aufhören. Ich irrte umher und suchte Lösungen und Antworten.

Ich konnte mich schon immer in Personen gut einfühlen. Menschen, denen es nicht gut geht tun mir leid. Ich möchte immer etwas gegen ihr Leiden tun. Ich war eigentlich immer so. Ich wollte immer die Welt verbessern und verändern.

Wenn ich aber jetzt Ungerechtigkeiten sehen, füllen sie mich mit Wut. Warum gehen wir Menschen eigentlich immer so schlecht miteinander um? Wir bevorzugen die Hauskatze oder Hund, anstelle vom Nachbar oder die alte Dame im Zug. Warum?

Sich in so einen Gefühlschaos zu befinden, und sich dann noch Gedanken über das Verhalten der Menschheit zu machen war nicht hilfreich. Ich vergesse ja immer, dass mein Kopf nicht wirklich entspannen kann.

Ich konnte nichts mehr machen, ohne dass diese Gedanken kamen, gefolgt von Panikattacken. Einmal schwächer. Das andere Mal unerträglich. Ab einem gewissen Punkt mussten die Antidepressiva einfach sein.

Schritt zurück; Februar 2018

Bis es überhaupt so weit kommen konnte, brauchte es zwei Jahre unter grosser Belastung, in einem Betrieb, in dem ich eigentlich nicht dazugehörte. Ich funktionierte eigentlich komplett anders als die meisten dort.

Vieles funktionierte nicht. Ich meldete Probleme. Diese wurden aber einfach unter den Tisch geschoben und man machte weiter. Eigentlich konnte mir dies auch egal sein.

Ärgerlich wurde es dann aber, wenn ich die Probleme, die ich gemeldet oder vorhergesehen hatte, selber lösen musste. Ich war schnell und gut in meinem Job als Bauzeichner. Dazu war ich einfach noch zu nett.

Februar 2018. Als dann alles zu viel wurde, legte ich dem Niederlassungsleiter die Kündigung hin. Er nahm sie mit einem leichten Lächeln entgegen. Ich soll die Kündigung doch am nächsten Montag, nach dem Weekend, einem anderen Chef geben.

Ich hatte diese Reaktion nicht erwartet. Das leichte Lächeln. Ich verstand die Situation nicht mehr. Die letzte Woche hatte ich einiges geleistet. Mein Bonus im Jahr zuvor, entsprach einem Monatslohn. Ich musste doch gut sein? Bei meinem letzten Projekt hatte ich so gezaubert, dass ich eigentlich ein fettes Danke verdient hätte.

Irgendwie war es der Chefetage aber egal. Oder war ich doch nicht so gut wie ich dachte? Im Gegenteil? Diese Gedanken beschäftigten mich das Wochenende. Irgendwas veränderte mich. Am Montag war ich dann am Ende, wie es sich später herausstellte.

Das mittlerweile die einige Mitarbeiter, die vor einem Jahr mit im Betrieb waren, auch gekündigt haben, hat mir geholfen, nicht so unsicher und hart mit mir selber zu sein. Ich war vielleicht wirklich nicht das Problem, wie ich mir einige Male doch schon fast zugestanden hatte.

Ich fühlte mich krank. Ich bekam kaum Luft mehr. Ich musste an diesem Montag noch vor dem Mittag an die frische Luft. Im MFO Park in Zürich Oerlikon schaute ich dann auf mein Kaffeebecher aus dem Starbucks. Das Smiley auf dem Becher malte die Barista aus dem Starbucks wohl drauf, da ich beim Bestellen wohl einfach beschissen und müde ausgesehen hatte.

Ich weinte. Ich hatte mich nicht mehr im Griff. Meine Körper machte was es wollte. Die Tränen hatte ich nicht mehr unter Kontrolle.

Der Obdachlose, ein paar Bänke weiter links vor mir schaute mich mehrmals an. Ich hatte das Gefühl ich tat ihm leid. Etwas später nahm er seine Bierdose und verschwand. Ich blieb noch da und liess mich an dem kalten Mittag von der Sonne wärmen.

Das Austrittsgespräch mit dem Chef verlieft nicht gut. Mittwochabend zitterte ich am ganzen Körper. Ich konnte nicht mehr schlafen. Irgendwie wusste ich, dass ich Hilfe holen muss.

Ich meldete mich im Geschäft ab. Ich dachte ich hätte mir was eingefangen. Bei den ersten Telefonaten mit den Ärzten wurde ich mehrmals gefragt, ob ich mir etwas antun möchte. Da wusste ich, dass es wohl ernst wird.

Donnerstagabend hatte ich einen „Notfall-Termin“ bei einem Psychologen in Königsfelden. „Psychische Verletzung, Knapp vor dem Burnout“ war die Diagnose. Ich soll die nächsten drei Wochen zu Hause bleiben.

Dass es so weit kommen konnte, lag sicher nicht nur am Betrieb. Es war einiges los. Alles zusammen konnte ich nicht alleine überwältigen. Die Art wie ich im Betrieb nicht ernst genommen wurde, wie ich ausgenutzt und ignoriert wurde, hatte mich sehr verletzt. Diese Verletzung führte das Fass zum überlaufen.

Über Umwege konnte ich endlich das Arztzeugnis organisieren. Jetzt sollte ich mehr Zeit für mich haben. Endlich wieder entspannen…

In meiner Zeit zu Hause setzte ich mich mit dem Programmieren auseinander. Ich hatte viel Zeit. Entspannen konnte ich aber nicht. Darum musste ich etwas unternehmen. Ich programmierte eine Webseite für meine Eltern. Die Digitale Welt war so was von interessant. Die Zusammenhänge im Code, Backend und Front-End unendlich.

Knapp vor Ostern schaute ich mit meiner Freundin die gesellschaftskritische TV-Serie „Black Mirror“. Mein Trigger für mein Monster im Loch; Meine Depression; Das was mich komplett verändert hat.

„San Junipero ist die vierte Folge der dritten Staffel und damit die elfte Episode der britischen Science-Fiction-Fernsehserie Black Mirror.“ 

So steht es auf Wikipedia.

„Nach einer Weile entscheidet sich Kelly, doch in San Junipero zu leben. In der realen Welt stirbt sie per Sterbehilfe und wird neben ihrem Mann und ihrer Tochter beerdigt. In der Simulation wird sie mit Yorkie vereint, die beiden fahren glücklich gen Sonnenuntergang. Im Abspann ist der Serverraum der Firma TCKR Systems zu sehen, in dem die Bewusstseine der Bewohner von San Junipero durch Roboter verwaltet werden.“

Server
Server in der Folge, Quelle CrypticImages

Das Leben nach dem Tod. Daten. Server. Bewusstsein. Nach diesem Abend waren nur Fragen offen.

They say in heaven, love comes first
We’ll make heaven a place on earth
Ooh, heaven is a place on earth

Jetzt springt die Geschichte eigentlich wieder zurück zum Anfang.

Ständig suchte ich nach einem Sinn. Für alles. Ich suchte Zufälle. Auch da wo es keine gab. Ich starre in mein Laptop…..

Eigentlich ist es noch lange nicht alles. Es mussten viele Gedanken, Zufälle und Momente zusammenkommen, damit ich mich so fühlte wie an Ostern. Alles in Worte zu fassen ist unmöglich. Einige Gefühle kann man nicht benennen oder beschreiben, auch wenn man es versucht.

Das Happy End

Um es kurz zu machen: Es brauchte nur Zufälle, damit ich verstehen konnte, dass ich für das Leben im Allgemeinen keinen Sinn brauche. Mein Leben soll einfach für mich Sinn machen. Dafür muss ich es leben wie ich es will.

Es gibt Menschen die sind einfach anders. Die kümmern sich gerne um andere Personen. Stellen alles andere über sich. Nicht weil sie unsicher sind. Weil sie einfach so sind. Weil sie so stark sind, dass sie sich selber und anderen auch noch helfen können.

Die Fragen dich mich nach Ostern plagten, beschäftigen mich weiterhin. Ich hinterfrage noch immer alles. Ich sehe es aber nicht mehr gleich. Ohne Druck und Stress. Die Fragen als Werkzeug für Personen wie mich, um in unsere Gesellschaft stark bleiben zu können.

Die Wissenschaft, Religionen und unsere Gesellschaft schreiben uns vor, wie und warum wir leben müssen. Aber was, wenn es so eigentlich gar nicht richtig ist? Theorien über Theorien. Sprachen die wir beherrschen, aber Menschen die sich untereinander nicht verstehen oder nicht respektieren.

Es gibt Dinge, Eigenschaften oder Materien in unserem Kosmos die unsere Grenzen sind. Licht, Unendlichkeit, Raum und Zeit. Was wir aber immer wieder vergessen.

Die Liebe.

Sie war für mich immer da. Was ist eigentlich Liebe? Ist es wirklich nur komplexe Biochemie. Oder brauchen wir einfach komplizierte Wissenschaft um zu verstecken, dass wir einfach nicht wissen was es ist?

Meine Freundin zeigte mir wieder was Liebe ist. In harten Zeiten nicht aufzugeben und für jemanden da sein; das ist Liebe. Eine Umarmung von einem Freund, einfach weil man sich so gerne sieht; das ist Liebe.

Ich habe das unerklärliche, was wir Liebe nennen, wieder für mich entdeckt. Die gleiche Liebe gibt mir die Kraft und die Energie jetzt in die Tasten zu drücken und mich täglich für dieses Projekt zu engagieren.

Ich konzentriere mich wieder auf das wesentliche. Meine Freundin, Familie und Freunde. Ich liebe wieder meine Umgebung, die Umwelt, die Natur und mich selbst.

Auch wenn alle unser Erdressourcen ausgehen. Roboter und Computer unsere Arbeit machen. Die Liebe, wird wie das Licht, immer da sein.

Also warum nicht der ständige Wunsch nach Mehr vergessen? Der Wunsch nach Antworten und Lösungen der Zeit überlassen? Nächstenliebe zeigen. Sobald jemand in Not ist, einfach mal helfen? Oder einfach mal die ältere Dame die etwas länger aus dem Zug braucht mit Respekt mehr Zeit geben und lieber der Person neben sich mit dem Gepäck helfen?

Eine Kette ist so stark wie das schwächste Glied. Wenn wir immer versuche stärker und besser als andere zu sein, dann kann unsere Gesellschaft nicht funktionieren. 

Nächstenliebe hilft. Glaubt mir. Liebt euch. Alles Andere ist nur vorübergehend und bleibt nicht für immer.

In Liebe, Luca

San Junipero auf Wikipedia
https://de.wikipedia.org/wiki/San_Junipero

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Luca Michelli
Luca Michelli (1993) aus Aarau. Bauzeichner und autodidakter Fotograf.
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